Ekel und Scham stellen grundlegende Emotionen dar, die wichtige evolutionäre und soziale Funktionen erfüllen. Während Ekel ursprünglich dem Schutz vor Kontamination und Krankheit dient, unterstützt Scham die Regulation sozialer Zugehörigkeit und zwischenmenschlicher Beziehungen. In verschiedenen psychischen Störungen können beide Emotionen jedoch dysfunktionale Ausprägungen annehmen und wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung psychopathologischer Prozesse beitragen. Insbesondere bei Zwangsstörungen spielen erhöhte Ekelsensitivität und ausgeprägtes Vermeidungsverhalten eine zentrale Rolle. Gleichzeitig finden sich Scham und Selbstabwertung transdiagnostisch bei zahlreichen psychischen Erkrankungen, darunter Zwangsstörungen, körperdysmorphe Störungen, Essstörungen, soziale Angststörungen, Traumafolgestörungen sowie chronische dermatologische Erkrankungen. Ekel und Scham beeinflussen sich dabei häufig gegenseitig und führen zu Rückzug, Ritualisierung, Vermeidungsverhalten und einer verminderten Inanspruchnahme hilfreicher therapeutischer Maßnahmen. Der Vortrag gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse zur Rolle von Ekel und Scham als transdiagnostische Emotionsmechanismen. Dabei werden zentrale Konzepte wie Disgust Propensity, Disgust Sensitivity, Selbstkritik und Selbststigmatisierung sowie deren Bedeutung für emotionale Dysregulation, Vermeidung und Krankheitsaufrechterhaltung diskutiert. Darüber hinaus werden diagnostische Ansätze zur funktionalen Analyse von Ekel- und Schamprozessen vorgestellt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den therapeutischen Implikationen für die psychotherapeutische Praxis. Neben klassischen Expositionsverfahren werden Strategien zur gezielten Bearbeitung von Ekel- und Schamerleben vorgestellt. Hierzu gehören kognitive Neubewertung, imaginative Verfahren, Mitgefühls- und selbstmitgefühlsbasierte Interventionen sowie emotionsfokussierte Techniken. Ziel ist es, Ekel- und Schamprozesse als zentrale therapeutische Ansatzpunkte besser zu verstehen und evidenzbasierte Strategien für deren Behandlung praxisnah zu vermitteln.